Höhere Zinsen = höheres Risiko? Nicht unbedingt!

Frankfurt 11.01.2012 –– Rezessionsgefahr und Euro-Schuldenkrise – es gibt gute Gründe, die in nächster Zeit für rückläufige Inflation sprechen. Darauf deuten auch die beiden Zinssenkungen der Europäischen Zentralbank (EZB) hin, denen sich noch weitere anschließen dürften. Anleger können die sinkenden Zinsen jedoch kalt lassen, sofern sie sich jetzt attraktive Konditionen sichern. Allerdings tragen viele ihr Geld aus einer diffusen Angst vor ausländischen Banken lieber zur nächsten Sparkasse und begnügen sich mit Mini-Zinsen. Dabei sind solche Sorgen in aller Regel unbegründet.

0,8 Prozent im Jahr: So „viel“ bekommen Anleger von einer Sparkasse in Nordbayern, wenn sie 10.000 Euro für die Dauer von drei Jahren in einem Sparbrief binden. In 36 Monaten fließen auf diese Weise spärliche 240 Euro an Zinsen. Wer die Konditionen einer Volksbank aus dieser Region wissen will, bekommt auf der Website nicht einmal Informationen, sondern muss sich direkt an seinen Berater wenden – ein Schelm, wer glaubt, dass dem Finanzberater der Verkauf einer niedrig verzinsten Anlage im persönlichen Kontakt leichter fallen könnte.

Weitaus bessere Konditionen als Sparkassen

Im Vergleich dazu bieten etliche Banken aus dem In- und Ausland weitaus attraktivere Konditionen, wie der Vergleich der langfristigen Anlagezinsen der FMH-Finanzberatung zeigt. So zahlt etwa die estnische BIGBANK bei einem dreijährigen Sparbrief 4,15 Prozent im Jahr. Die britische Bank of Scotland überweist vier Prozent, und die Santander Direkt Bank bringt es immerhin noch auf 3,75 Prozent. Das bedeutet: Wer 10.000 Euro etwa bei der Bank of Scotland anlegt, bekommt mit 1.200 Euro fünf Mal (!) so viel Zinsen wie bei besagter Sparkasse.

„Home Bias“ kommt Anleger teuer zu stehen

Doch solange Anleger sich mit den Mini-Zinsen von Sparkassen und Volksbanken zufrieden geben, sehen diese keinen Grund, ihre Geschäftspolitik zu ändern. Hintergrund für das Beharrungsvermögen deutscher Sparer: Viele glauben, dass deutsche Banken, insbesondere Sparkassen, deutlich „sicherer“ seien, als Geldinstitute aus dem Ausland. Doch dieser „Home Bias“, wie die Tendenz zu heimischen Anbietern oder Geldanlagen auch genannt wird, ist in aller Regel nicht wirklich stichhaltig – aus zwei Gründen.

Einlagensicherung schützt alle Banken in der EU

Der erste Grund: In allen Ländern der Europäischen Union greift die gesetzliche Einlagensicherung, die pro Anleger und Bank 100.000 Euro absichert. Sollte es tatsächlich zu einer Bankpleite kommen, muss die Einlagensicherung einem Kunden innerhalb von 30 Tagen, nachdem er seine Forderung geltend gemacht hat, maximal den abgesicherten Betrag auszahlen. Das einzige rationale Motiv, das gegen eine Anlage im Ausland sprechen könnte: Man muss seine Ansprüche in der Sprache des betreffenden Landes geltend machen. Doch im Fall der Fälle könnte es durchaus sein, dass die EU hier für Erleichterungen sorgt.

Viele Banken im Ausland stehen erstaunlich gut da

Der zweite Grund: Etliche ausländische Banken stehen weitaus besser da, als viele deutsche Sparer vermuten. So erfüllt etwa die international tätige Banco Santander mit Hauptsitz in Spanien als eine der ersten europäischen Großbanken die Anforderungen der europäischen Bankenaufsicht EBA. Sie deckt ihre risikobehafteten Geschäfte mit den geforderten neun Prozent an (hartem) Eigenkapital ab, wie die „Financial Times Deutschland“ jüngst berichtete. Damit ist das größte Geldhaus der Euro-Zone quasi der Musterschüler unter den Banken. Eine Sippenhaft mit dem EU-Sorgenkind Spanien ist daher nicht gerechtfertigt.

Tigerstaat im Baltikum schlägt die meisten EU-Länder

Estland, die Heimat der BIGBANK, wiederum gilt inzwischen als eines der Musterländer der Europäischen Union. Zwar wurde der baltische Tigerstaat von der Finanzkrise im Jahr 2008 tief in die Rezession gezogen, doch die Politik hat offenbar die richtigen Maßnahmen ergriffen: Nach einer Studie der Berenberg Bank und einer Brüsseler Denkfabrik rangiert der baltische Tigerstaat in Sachen Wettbewerbsfähigkeit und Staatsfinanzen nun vor den allermeisten anderen EU-Ländern und hängt in der Gesamtwertung sogar Luxemburg und Deutschland ab. Mit einer Staatsverschuldung von nur 6,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gehört Estland zu den EU-Ländern mit den solidesten Finanzen. Deutschlands Staatsverschuldung lag 2011 bei rund 83 Prozent.

Fazit: Für welche Bank man sich bei der Geldanlage entscheidet, sollte nicht nur davon abhängen, ob es sich um ein in- oder ein ausländisches Geldinstitut handelt.

Autor: Max Herbst, Inhaber der FMH-Finanzberatung