Minuszinsen und keiner beschwert sich: Unser Experte Max Herbst fragt sich, weshalb.
Minuszinsen und keiner beschwert sich: Unser Experte Max Herbst fragt sich, weshalb. © ytemha34 / Adobe Stock

Frankfurt 17.07.2020 –– Als die ersten Minuszinsen für Kleinanleger winkten, war der mediale Aufschrei groß. Heute sind Minuszinsen offenbar salonfähig: Immer mehr Banken führen sukzessive Negativzinsen ein – dabei müssten sie es eigentlich nicht. Und die Kunden? Nehmen es klaglos hin. Unser Experte Max Herbst fragt sich: Weshalb ist das so?

Können Sie sich noch daran erinnern, dass viele Anleger und Medien sehr ungehalten reagierten, als vereinzelte Banken begannen, die Strafzinsen der EZB an ihre Kunden weiterzureichen? Kaum noch vorstellbar. Denn zwischenzeitlich werden es wöchentlich mehr und mehr Banken, die Negativzinsen oder ein Verwahrentgelt von Ihren Kunden verlangen. Doch Aufregung gibt es deswegen nicht.

Banken, die 2020 Minuszinsen auf Girokonto oder Tagesgeld eingeführt haben.
© FMH-Finanzberatung / FMH-Finanzberatung

Insgesamt 169 Banken verlangen mittlerweile Minuszinsen – vor drei Monaten waren es noch 35 weniger – darunter sogar fünf, die auch für Guthaben auf dem Depotkonto einen Strafzins erheben.

Die einen verlangen ihre 0,5 Prozent bereits ab 5.000 Euro Giroguthaben, die anderen erheben das Verwahrentgelt erst ab 500.000 Euro. Beim Tagesgeld verlangen einige Banken bereits ab dem ersten Euro die Minuszinsen von 0,5 Prozent, andere Banken erst ab Beträgen von 500.000 Euro und mehr.

Das ist erstaunlich uneinheitlich. Umso erstaunlicher ist das Ganze, wenn man folgendes weiß: Die EZB hat Banken sehr hohe Freibeträge eingeräumt. Es gibt also keinerlei Grund, dem Kleinanleger schon vom ersten angelegten Euro an Minuszinsen aufzubrummen.

Weshalb machen sie es dann? Ganz einfach: Viele kleine Kunden finanzieren mit ihren Strafzinsen die ganz großen Kunden, die die Banken selbstverständlich gern behalten möchten. Umso deutlicher wird das, wenn man sich anschaut, dass nach Recherche der FMH-Finanzberatung immer mehr Banken keine fixen Freigrenzen festlegen, sondern von einem individuellen Freibetrag sprechen. Übersetzt bedeutet das: Alle Kunden sind gleich, aber manche Kunden sind gleicher.

Warum können sich Banken Negativzinsen erlauben?

Im Grunde genommen ist es ganz einfach: Solange die Kunden Negativzinsen akzeptieren, gibt es keinen Grund, sie nicht zu langen.

Doch weshalb wehren sich die Kunden dann nicht und investieren beispielsweise in andere Finanzprodukte? Diese Frage ist schon schwieriger zu beantworten. Ob Privatanleger oder Geschäftskunde: Gerade in unsicheren Zeiten wie diesen lieben deutsche Anleger die Anlagesicherheit, die Tagesgeld, Festgeld und Girokonto durch die Einlagensicherung bieten. Getreu dem Motto: Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach setzen deutsche Anleger auf verlässliche 0,5 Prozent Verlust bei konventionellen Geldanlagen als sich auf unkalkulierbare Verluste im Wertpapierhandel einzulassen.

Die letzten Monate waren für viele abschreckend: Aktienabstürze von 20 Prozent und mehr innerhalb weniger Tage sind emotionale Achterbahnfahrten, die sich kaum ein Anleger leisten möchte. Dann lieber 0,5 Prozent Strafzinsen zahlen – die sind gegen 20 Prozent Verlust doch schon beinahe lächerlich.

Und so reden sich Anleger die Strafzinsen schön und vergessen dabei, dass die Aktiensparer mit ihren immensen Verlusten im Gegenzug zuvor entsprechende Zuwächse verzeichnen konnten und im Gesamtbild überhaupt keine Verluste verschmerzen mussten. Zudem sind viele Aktien und Fonds beinahe wieder auf dem Stand, den sie vor der Pandemie hatten – Tech Fonds und andere Branche haben sogar von der Krise profitiert.

Flexibilität ist auch ein wichtiges, wenn auch fadenscheiniges Argument in der aktuellen Situation

Ein weiteres Argument für das Horten von Geldern auf Tagesgeldkonten und Girokonten ist die Flexibilität. Schließlich kann man bei diesen Anlageformen jederzeit an sein Geld. Das wiegt Anleger in gefühlter Sicherheit und ist unkompliziert: Niemand muss vor einer Geldentnahmen schauen, wie Aktienkurse stehen. Es müssen keine Gelder von A nach B transferiert werden, um darauf zugreifen zu können.

Für Banken sind diese Umstände optimal – sie verdienen so oder so. Entweder an den Negativzinsen oder daran, dass sie Kunden doch lukrativere Wertpapieranlagen vermitteln.

Interessanter Nebenfakt: Bei unserer Recherche war auffallend, dass immer mehr Sparkassen und Banken die Möglichkeit, Verwahrentgelte zu verlangen, in ihre Produktseiten aufgenommen haben. Denn vor allem Neukunden sind von Negativzinsen betroffen. Damit möchten Banken wie beispielsweise die Commerzbank wohl Neukunden etwas abschrecken, denn aktuell scheint keine Bank so richtig auf Neukundenfang.

Für Testzwecke können hier alle Rechner aufgerufen werden. Wird auf der richtigen Seite dann nicht mehr angezeigt.
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